Warum ich gegen Anti-Semitismus aufstehe

Cherno Jobatey hosts anti-semitism rallye at Brandenburg Gate Berlin

Warum ich aufstehe… gegen Anti-Semitismus

Es war eigentlich nur eine Meldung. Aber es war so eine, die man einfach nicht beiseitelegen kann, egal wie lange man als Journalist schon unterwegs ist. Es war die Zahl: 159 antisemitische Straftaten im zweiten Quartal dieses Jahres, also zwischen April und Ende Juni.

Ich dachte an Sarah, die Tochter eines Freundes, die mir kürzlich erst erklärte, dass man Politik doch nicht mehr brauche, da alle großen Fehler der Menschheitsgeschichte ja gemacht worden seien. Wir hätten alle gelernt! Zuerst wollte ich sie in ihrer kindlichen Naivität lassen, doch dann versuchte ich sie zu überzeugen, dass Politik ständig passiert, und wir uns mit immer neuen Herausforderungen auseinandersetzen müssen. Und das manchmal ziemlich aktiv!

Als ich gefragt wurde, ob ich bei der Berliner Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ dabei bin, sagte ich sofort ja.

Aber da ist noch mehr, etwas ganz persönliches, tief in mir drin…

Meine Künstler-Mutter brachte als Klavierlehrerin meine drei Geschwister und mich irgendwie durch. Wir hatten’ s überhaupt nicht dicke, aber im eingemauerten Westberlin mit seiner Hippie-geprägten Kultur fiel das an den Gymnasien mit langhaarigen Lehrern in zerschlissenen Jeans gar nicht weiter auf. Das änderte sich, so ungefähr als ich 15 wurde. Die 3-Zimmer-Wohnung war plötzlich für uns fünf einfach zu klein.

Teils aufgewachsen in einer jüdischen Familie

Relativ schnell zog ich aus, und zwar zu meinem besten Freund David und dessen Familie. David war jüdisch, und das veränderte mein Leben. Das Tolle war, das ich auf einmal zweimal Weihnachten und zweimal Neujahr feierte. Ich lernte das Wort „Weihnukka“ kennen, die fröhliche Kombi beider Feste.

Die Familie funktionierte irgendwie anders als Familien, die ich bisher kennengelernt hatte. Und so hatte ich auf einmal mehrere Kulturen in mir.

Aber ich stellte auch fest, dass mit dem anderen auch anderes kam. Ich musste meinen besten Freund verteidigen, wegen Dingen, die ich bisher nicht auf dem Radar gehabt hatte. Gern schlichen wir uns auf Studentenpartys. Davids große Schwester nahm uns mit. Dort waren immer junge Leute aus aller Welt, es war klasse.

Bei einem Smalltalk wurde David plötzlich angepöbelt, irgendwas mit Israels Politik. Als es lauter wurde, ging ich dazwischen. Irgendwann wurde geschubst, plötzlich standen wir Rücken an Rücken. Glücklicherweise konnten wir uns aus der Situation herausreden.

Klar hatten wir Angst! Aber mir wollte noch viel mehr nicht in den Kopf, dass man Angst haben muss, nur weil man in den Augen anderer für die Politik eines weit entfernten Staates verantwortlich gemacht wird.

Damals stand ich für meinen besten Freund David ein, und das hat sich nicht geändert. Es kann einfach nicht sein, dass unter uns Menschen in Angst leben, „nur“ weil sie irgendeiner Minderheit angehören.

Deswegen stehe ich heute auf – am Brandenburger Tor in Berlin! Und ich werde es immer wieder tun!

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Veröffentlicht in der Huffington Post 14. 09. 2014