Joggen mit Horst Köhler DIE WELT

Cherno Jobatey joggt Schlachtensee Berlin

Joggen, sprechen und dabei maximal Fett verbrennen

Welt-Kolumne von Cherno Jobatey

Die Fußball-WM läuft jetzt seit knapp zwei Wochen; die große Party ringt in der großen Hitze nach Luft – zumal klar ist, dass Deutschland eine Runde weiter ist. Jetzt wird es Zeit für kleine Fluchten, und auch das Wetter spielt mit und unterbricht die dröhnende Hitze im Zweitagesrhythmus mit einem Gewitter.

Viele, die die 25 deutlich hinter sich gelassen haben, sind hier sportlich unterwegs, joggen mitunter in Kohortenstärke, um sich die für den Alltag nötige Power zu erlaufen. Es gibt zwei Arten von Läufern, die mit Kopfhörern und die ohne. Da sich mittlerweile herumgesprochen hat, daß man am besten Fett verbrennt, wenn man so langsam läuft, daß man gerade noch sprechen kann, wird das auch ausgiebig getan.

Es ist fast so wie in der Schule, Jungs laufen mit Jungs, Mädels mit Mädels. Und wie in der Schule, reden die Jungs über Mädels und umgekehrt. Politik ist hier selten ein Thema, höchstens, als an einem frühen Morgen mal Bundespräsident Köhler mit einer Leichtigkeit und einem Lächeln an mir vorbeizog, die bewundernswert waren.

Kanzleramtschef Pofallas Vorstoß in Sachen Ehegattensplitting ist in einigen Lauftrüppchen Thema Nummer eins. „Endlich sind die mal modern geworden!“ – „Wenn die wirklich das französische Modell fahren, klasse! Ich mochte meine Kinder ja schon vorher, aber jetzt noch mehr“, weht es an meinem Ohr vorbei. „Da lohnt sich ja Ballacks Umzug gar nicht mehr. Mit seinen Dreien hätte er ja auch hierbleiben können.“

Die Jogger kennen sich aus: Zwei Schritte pro Einatmen, zwei Schritte pro Ausatmen, so vermeidet man Seitenstiche und kann noch ordentlich was reden.

Von hinten links nähert sich eine gepflegte Föhnwelle, dann kommen die filigrane Brille und der Rest der joggenden 140 Kilo. Beim überholt Werden höre ich: „Haben die keine anderen Sorgen, sollen lieber was zur Unternehmensteuerentlastung tun. Wir Mittelständler schaffen schließlich Jobs.“ „Na ja“, die zierliche Begleitung, „biste schon mal mit Kindern von Bayern nach Berlin gezogen? Wenn ja, dann verstehste auch diesen Föderalismusmüll nicht.“ Der Dritte im Bunde mit deutlich weniger Atemluft trotz geschätzter 70 Kilo: „Ist halt wie mit ’nem Alkoholiker, er muss erst erkennen, wie schlecht es ihm geht, bevor er zur Therapie geht.“ Und dann trappeln sie weiter und sind außer Hörweite.

Ein irgendwie an David Niven erinnernder Läufer, sehr aufrecht, mit militärisch staksigem Schritt und sehr exakt gewinkelten Armen, erklärt seinem Begleiter im halbverständlichem Dinglish, warum es die Briten besser haben: „You know, it’s the Wahlrecht. We do have real Mehrheiten. You Consent-Germans discuss so much and almost nothing is happening. Get a British WahlrechtMehrheit is 51 per cent, not 99 per cent like most Germans feel.“

Angesichts der unerschütterlichen Kondition dieses Graumelierten kommt man schon ins Grübeln. Vielleicht sollten Politiker nur joggen gehen, denn Tests ergaben, dass nach jeder Sportübung Menschen schneller und besser denken und Probanden IQ-Tests besser lösten als ohne Joggen. Solch eine Initiative wäre auf jeden Fall besser und schneller umzusetzen als eine Wahlrechtsänderung.

Siehe auch www.Fit-wie-ein-Turnschuh.info

erschienen in: Die Welt, 21.06.2006