Minimale Toleranz WIRTSCHAFTSWOCHE

Neumann-Mikrofon

Minimale Toleranz: Firma Neumann

Die Profis der Musik- und Filmindustrie schwören weltweit auf deutsche High-Tech-Mikrofone.
Frank Sinatra hat hineingesungen, Josef Stalin hineingebrüllt, J. Lo hineingehaucht. Es widerstand Madonnas Gestöhne, überlebte van Halens Gitarrendruck, verstärkte die rauchige Stimme von Jazz-Sängerin und Grammy-Preisträgerin Diana Krall. Frank Zappa widmete ihm sogar ein eigenes Lied.

Jene handliche, von Kennern „Neumann Mic“ genannte Metallbox, die an einen von Spinnenbeinen umzingelten Joghurtbecher erinnert, gilt als Inbegriff des Profimikrofons. Dass dieser heimliche Star ungezählter Videoclips und weltweit millionenfach verkaufter Soundklassiker aus deutscher Produktion stammt, ist selbst hier zu Lande nahezu unbekannt.

Unter Tonprofis zählt der Hersteller des Mikrofons, die Georg Neumann GmbH aus Berlin-Reinickendorf, zu den unbestrittenen Spezialisten für die hohe Kunst des reinen Klanges, gelten die Berliner als eine der besten Technologieschmieden der Musikindustrie. Auf der ganzen Welt sorgen Neumann-Produkte für den richtigen Ton, Jahresumsatz 2003 rund 20 Millionen Euro.

Das sind zwar nur gut drei Prozent des Gesamtmarktes für tragbare Mikrofone. Im etwa 100 Millionen Euro schweren Profisegment jedoch dominieren die deutschen Tontechniker das Geschäft; vor Konkurrenten wie der österreichischen AKG, der Audio-Technica oder dem japanischen Elektronikgiganten Sony.
„Die Kunden kaufen unsere Produkte, weil sie wissen, dass wir nur minimale Fertigungstoleranzen haben“, sagt Neumann-Geschäftsführer Wolfgang Fraissinet selbstbewusst. „Bei uns klingt auch ein zehn Jahre altes Mikro noch genauso wie ein heutiges Gerät gleichen Typs.“

Neben der Qualität der Aufnahmetechnik sind es die Innovationen, mit denen die Berliner im Markt reüssieren. So sorgte Fraissinets Truppe jüngst mit einem neuen digitalen Mikrofon in der Branche für Aufsehen. Das Solution-D genannte High-End-Modell vereint vom Entzerrer bis zum Vorverstärker die komplette Klangregelung in einem Gerät. Dank integrierter Computertechnik kann das neue Spitzenmodell zudem auf die Klangcharakteristik von 15 unterschiedlichen Hochleistungsmikrofontypen getrimmt werden. Wie das Digimikro klingt, können Soundenthusiasten im dritten Teil der „Herr der Ringe“-Trilogie hören: Dessen Klänge wurden mit der neuen Digitaltechnik aus Berlin aufgenommen.

Innovativ waren die Reinickendorfer schon immer: Vor gut 75 Jahren hatte Firmengründer Georg Neumann die Idee, Kondensatormikrofone industriell herzustellen. Mit Neumanns Konstruktion – vereinfacht gesagt, eine auf ein Messingsieb gespannte und mit Gold bedampfte Membran – wurden erstmals 1928 Stimmen und Töne in zuvor unerreichter Präzision in elektrische Impulse umgewandelt. Fortan war es möglich, mehrere Instrumente gleichzeitig mit einem einzigen Mikrofon aufzunehmen.

Daneben erfand Neumann Mischpulte und Schallplattenschneideanlagen zur Herstellung der Vinyltonträger. Das große Geld aber verdiente Neumann anderswo: mit Erfindungen zur Herstellung gasdichter Nickel-Cadmium-Akkus, ohne die es die heutigen Batterien nicht geben würde.
Doch „seit 1978 dreht sich im Unternehmen alles nur noch um den perfekten Klang“, sagt Fraissinet. Der 45-Jährige ist Geschäftsführer, seit der Hannoveraner Audiogigant Sennheiser die Berliner Edelschmiede 1991 übernahm. Damals verging den Gründer-Erben die Lust, der Laden stand auf der Kippe.

Fraissinet kümmert sich mit Elan um den Verkauf der Mikrofone. Etwa in den Studios der legendären New Yorker Hit Factory. Dort setzte sich Fraissinet, der als Kind am Konservatorium Klavier lernte, an den Steinway-Flügel und erklärte Tontechnikern und Produzenten das Mikro direkt aus dem Aufnahmeraum. Seitdem ist auch dieses Studio fest in Neumann-Hand. Oder im Herbst 2003, als die japanische NHK-Senderfamilie, eine Art Nippon-ARD, den Umstieg auf Neumann-Digitaltechnik erwog. Mehr als eine Woche führte Fraissinet mit einem Kollegen vor, erklärte, verhandelte. Ein guter Deal, denn die rund 50 NHK-Regionalsender mit eigenen Studios sorgen nun für ein gutes Geschäft.

Wie gut, darüber spricht der Geschäftsführer nicht gern. Immerhin hat er den Geräteabsatz seit seinem Amtsantritt mehr als vervierfacht. Über den Gewinn sagt er nur, es reiche „für eine ordentlich zweistellige Umsatzrendite“. Bei 20 Millionen Euro Umsatz wären das wenigstens zwei Millionen Euro Gewinn. In Relation zu Sennheisers Zahlen im vergangenen Geschäftsjahr bedeutet das ein Fünftel des 10,2-Millionen-Euro-Gesamtertrags der Mutterfirma – mindestens. Dabei verantwortet Neumann weniger als ein Zehntel des Gesamtumsatzes von knapp 230 Millionen Euro.

Ein Grund für die guten Zahlen: Schon für die aktuellen analogen Edelmikros zahlen Kunden 1000 Euro – das Doppelte wie für Konkurrenzprodukte. Das Digitalmodell Solution-D kostet gar 9000 Euro. Im Preis enthalten ist ein branchenweit ungewöhnlicher Service: „Wir garantieren Reparaturen mindestens 50 Jahre lang“, so Fraissinet.

Kein Wunder, dass alte Exemplare begehrt sind: Für das Neumann U 47 aus den Fünfzigerjahren greifen Sammler wie Rockmusiker Lenny Kravitz tief in die Tasche. In Berlin verfolgt man die Preise bei Ebay und Sotheby’s. Fraissinet: „Die liegen je nach Zustand zwischen 500 und 20 000 US-Dollar.“

1999 erhielt Neumann den einzigen Grammy, der in der Geschichte des Musikpreises je für ein Mikrofon vergeben wurde.

„Der Klang wird durch Neumann lebendiger und wärmer“, schwärmt Altrocker Eddie van Halen. Barbra Streisand ließ sogar einmal ihr Orchester stehen und eine Plattenaufnahme platzen. Die Techniker hatten der Dame kein Neumann-Mikro hingestellt.

Erschienen in Wirtschaftswoche 01.06. 2004