Cherno Jobatey rocks Waldbuehne Berlin

E-Gitarren sind alles: Hooligan und Callas, Bergpredigt und Liebesgeständnis.

Im Sog der Saiten

Von Cherno Jobatey

Eigentlich geht es ja nur um sechs Saiten, ein Brett und ein paar Spulen, die die Schwingung der Saite einfangen. Mehr ist eine elektrische, oder wie Fans sagen, eine E-Gitarre ja eigentlich nicht. Aber wer so denkt, der versteht nicht worum es wirklich geht.

E-Gitarren können alles, erzählen alles, sind alles: Hooligans und Callas, Bergpredigt wie Liebesgeständnis, schlüpfrigste Tanzmusik und sogar scheppernde Marschmusik. Gitarrenlastige Musik steht für vieles: prügelnde Skins, schmusende Hippies, fauchende Black Panther, brünftige Discohengste, RocknRoller, Soulbrüder, Heavy Metal Jünger, Rocker, Surfer, Lover und Fighter. Ja sogar für Dekaden: die swinging 60ies, die hippen 70er, die coolen 80ies und die Retro 90er.

Mein Weg zur E-Gitarre war zufällig:  Ich wuchs auf in einem musikalischen Elternhaus, meine Mutter war Klavierlehrerin. Musik war allgegenwärtig, natürlich alles wohltemperiert. Irgendwann, ich glaube, ich pubertierte gerade heftig vor mich hin, es war die Zeit der Klassenfeten, da fragte ein Lehrer, ob er nicht mal auch etwas auflegen könnte. Begeistert waren wir nicht von dem Vorschlag des alten Sacks. Aber, wir wollten ja nicht so sein. Er kramte eine ziemlich abgegriffene Scheibe hervor, die Nadel kratzte. Es war nicht der schleppende Back-Beat, es war was dann kam: die singende E-Gitarre.

Von diesem Tag an war ich fasziniert von den sechs Seiten. Jimi Hendrix legendäre Band of Gypsies-Scheibe öffnete mir eine neue Welt. Die Gitarre sang, schluchzte, balzte, freute sich und tanzte einen sehr ausgiebigen fröhlichen Tanz. Sie drückte ein unglaubliches und bis dahin nicht gekanntes, geschweige denn gefühltes Gefühl aus, das mich mitriss. Diese Intensität, diese Ausdruckstiefe hatte bei mir noch kein Instrument vorher ausgelöst. (Meine Mutter fragt sich heut noch, was sie falsch gemacht hat, dass sie mich nie für’s Klavier so begeistern konnte).

Ich erlebte in meinem kleinen Leben, was Generation vor mir durchgemacht hatten: eine Befreiung durch Musik. Die Gitarre, und da meine ich nicht das Geschrammel an den Lagerfeuern dieser Welt, nein ich meine die E-Gitarre, die Gitarre die alles ausdrücken kann von kleinster Intimität, bis hin zu orchestralen galaktischen Klängen. Erfunden irgendwann in den Späten 40ern, war sie immer Sinnbild gefühlter  Revolutionen. Mit relativen einfachen Mitteln, aber der richtigen Einstellung konnte man einiges auslösen, auf jeden Fall sich Gehör verschaffen. Die E-Gitarre löste andere Saiteninstrumente ab und wurde die Stradivari der Neuzeit.

In meinen jungen Jahren verschlug es mich mal nach Südkalifornien, in den Dunstkreis von Los Angeles, ein Nest namens Fullerton. Irgendwann bemerkte ich das Ortszusatzschild: Fullerton, Home of the Fender Guitar. Das beeindruckte mich, denn ein gewisser Leo Fender hatte ja mal die elektrische Gitarre erfunden.  Also rief ich dort oft an, erzählte einen vom Pferd, denn den Mann wollte ich mal sehen. Wie durch ein Wunder stand ich dann wirklich vor dem greisen Herrn Fender. Der war auch sehr freundlich.

Aber zu meiner großen Enttäuschung war er ein reiner Tüftler, ein Frickler, ein Entwickler. Ihn trieb die Realisation alles technisch Machbaren. „Gitarren waren im Orchester zu leise, also suchte ich Lösungen, schraubte einen Gitarrenhals auf ein Brett darunter eine Spule fürs Einfangen der Saitenschwingung.“ So entstand die Stromgitarre. Fertig. Mehr war für ihn  nicht dran, abgesehen vom Big Business.

Fender hatte keine Vision was man damit als machen konnte, von der Re-Definition der E-Gitarre durch Jimi Hendrix oder später durch einen Steve Vai. Alles künstlerische, philosophische oder kulturelle liessen seine Schulter zucken. Das damit gesellschaftliche Revolutionen ausgelöst wurden, „well my boy …“. Beim Worte Beatles fiel ihm nur ein, “ sie benutzen nie meine Produkte“. Er sagte Produkte, nicht Instrumente! Ich fand das damals schlimm.

Aber, alles in allem war’s schon sehr beeindruckend einen Erfinder, der Hunderte von Patenten hatte, zu treffen. Auch wenn er nicht meiner jugendlichen Vorstellung von Coolness oder gar revolutionären Denken entsprach. Wahrscheinlich lächelt Leo Finder jetzt gerade von seiner Wolke Sieben herunter, wenn er das liest.

Popmusik hat sich immer verändert, getrieben durch Marketingstrategien und dem ständigen Zwang zur Veränderung. Die Digitalisierung hinterließ auch gewaltige Spuren. Musste man früher noch bestimmt fünf bis zehn Jahre ein Instrument studieren, um nicht allzu peinlich zu sein, ist es heutzutage möglich mit wenig Mitteln, also einem Laptop und gängigen digitalen Tricks brauchbare Hits herzustellen. Das dröhnende Begleit-Marketing der Konzerne ließ E-Gitarren nicht mehr auftauchen, schickte sie in die Versenkung.

Aber die E-Gitarre war, allen Starlets und Eintagsfliegen zum Trotz, nicht totzukriegen.

Es half auch ein schlichter Umstand: Digitales bricht alles immer runter auf  Plus oder Minus, Eins oder Zwei. Damit kann man aber nicht die nicht minder wichtigen Werte, wie: „Vielleicht“, „ein bisschen“, „ich weiß ja auch nicht, aber es wäre schon schön“, auf die es gerade bei Gefühlen eigentlich oft ankommt, die sind mit Digitalität musikalisch nur schlecht auszudrücken. Und so erlebt die E-Gitarre gerade wieder ein gigantisches Comeback. Linkin Park, POD, Limp Bizkit, Kid Rock oder auch Rammstein wären ohne den Sound der E-Gitarren nicht möglich.

Gitarren scheinen auch in der Modewelt wieder hip und cool zu sein: die neue Boss-Werbung zeigt ein einen jungen Mann – mit einer E-Gitarre. Auch im aktuellen US-Wahlkampf trat Herausforderer Kerry letztens mit ’ner E-Gitarre auf, wie schon Bushs Vater, als der noch Wahlkämpfer war.

Vor Jahren, nach einer „Verstehen Sie Spaß?“-Sendung kam ein Zuschauer, der sagte, er habe mich mal mit ’ner E-Gitarre Hendrix spielen sehen, ich könne also kein ganz schlechter Mensch sein. Und dann fragte er: „Rockst Du eigentlich noch, oder stirbst Du schon?“

Das traf mich ins Mark und seitdem spiele ich wieder, jährlich zehn bis fünfzehn Konzerte deutschlandweit,  in kleinen Klubs oder auf großen Bühnen. Zur Zugabe, wenn die Stimmung richtig ist, dann zelebriere ich eine kleine „schwarze Messe“ für den Meister: Für Jimi Hendrix!

Warum, das werde ich oft gefragt. Weil: Es sind einfach mehr als sechs Saiten, ein Stück Holz und ein paar Spulen die die Schwingung der Saiten auffangen.

erschienen in: Die Welt, 04.08.2004