Wächter der Nacht Rezension BILD am Sonntag

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Wächter der Nacht

Sergej Lukianenkos Kult-Fantasy-Roman

Die „Wächter der Nacht“ kommen daher, als würden Sie in der U-Bahn sitzen, ein alter Kumpel klopft Ihnen auf die Schulter und raunt: „Hey, ich muss Dir eine unglaubliche Geschichte erzählen.“ Genauso hab ich mich gefühlt als ich anfing, dieses Buch zu lesen und Anton, die Hauptfigur kennen lernte.

Der Roman spielt im heutigen Moskau. Es gibt viel Kriminalität, alles ist heruntergekommen, schrecklich versifft und das Wetter, das ist auch noch dauer-schlecht. Unter ganz normalen Menschen leben – natürlich nicht für jeden erkennbar – Vampire, Werwölfe, dunkle Magier und Dämonen. Sie nennen sich Wächter des Tages und saugen unschuldige, ahnungslose Bürger aus. Bringen sie um, fressen sie. Die Wächter der Nacht wiederum sind dafür da, diesen Kreaturen Einhalt zu gebieten und die Menschen zu schützen. Spiderman lässt grüßen.

Wächter der Nacht“ ist in der russischen Heimat von Autor Sergej Lukianenko das bestverkaufte Buch der Gegenwart, absoluter Kult. Zu recht, finde ich, denn es ist nicht nur leicht zu lesen, sondern enthält auch eine gut verpackte Botschaft: Im Grund hat jeder Mensch Sehnsucht nach einer Welt, in der alle gut sind. Wären alle gut, bräuchte man keine Wächter mehr, die auf die Bösen aufpassen. Es geht um das fehlende Gleichgewicht der Mächte.

Ich bin kein typischer Fantasy-Leser, aber dass ich dieses Buch gern gelesen habe, liegt daran, dass es kein typisches Fantasy-Buch ist. Elfen und Trolle wären im extrem räudig geschilderten Moskau  auch fehl am Platz. Aber es gibt da zum Beispiel seine Assistentin, quasi sein „Bond-Girl“, eine Cognac trinkende Schneeeule, die ihm auf der Schulter sitzend beisteht. Der Autor hat das  Fantastische in die Realität geholt; sein magischer Realismus wirkt hier eher skuril.

Aber so  gelang es ihm hervorragend, das russische Nach-Wendegefühl einzufangen, als per „Schocktherapie“ der Kapitalismus kam. Für viele war das wohl nach sozialistischen Jahrzehnten schlicht das Böse, das einen aussaugte. Und im Buch bedroht dieses Böse in Gestalt durchgeknallter Vampire Moskau und zwar so glaubhaft, dass es einem unheimliche Gefühle bereitet.

Lukianenko arbeitet zwar klischeehaft mit Gut-Böse-Motiven, aber an seiner Geschichte ist trotzdem nichts märchenhaft weich gezeichnet. Weder die Figuren, noch die Umgebung. Es gibt zum Beispiel kein Märchenschloss in diesem Roman, stattdessen eine kalte, dunkle Trabantenstadt. Es gibt auch keine Kutschen und Einhörner, die sie ziehen. Es gibt Taxis und die Metro.

Damit bin ich wieder beim Anfang: Wir haben doch alle schon mal merkwürdige Leute um uns herum entdeckt und in unserer Fantasie alles Mögliche durchgespielt.  Warum sollte nicht der eine ein Vampir und der andere ein Werwolf sein?  Und der Mann gegenüber mit dem ipod, der muss dann aber bitte schön ein Guter, ein Wächter der Nacht sein. Lukianenko erzählt jedenfalls so überzeugend, dass man sich denkt: es könnte genauso passiert sein.

Erschienen in: Bild am Sonntag 03.12.2006