Warum war die DDR eine Fußball-Niete? HUFFINGTON POST

DDR vs. BRD

Warum war die Sportnation DDR im Fußball so schlecht?

Bei DDR-Fußball denken viele nur an ein Spiel, jenes legendäre deutsch-deutsche Aufeinandertreffen bei der Weltmeisterschaft 1974, „jene dröhnende Niederlage“ der favorisierten BRD gegen die DDR, die den Stürmer Jürgen Sparwasser mit seinem Tor in der 77. Minute unsterblich machte.

 

Dieses Spiel erzeugt allerdings einen falschen Eindruck. Denn ausgerechnet beim deutschen Nationalsport Fußball wollte das einfach nicht gelingen, was in so vielen anderen Sportarten klappte, nämlich ganz weit vorne zu sein. Woran lag‘s? Ein neues Buch versucht diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.

DDR gleich Sport

Die internationale Vermarktung der DDR, also das „Nation Branding“, war so simpel wie erfolgreich: Das kleine Land konnte in der glitzernden Konsumgüter-getriebenen Nachkriegswelt weder mithalten noch die benachbarte Bundesrepublik übertreffen. Deshalb spezialisierte sich das rohstoffarme 17-Millionen-Leute-Land auf das Einzige, das ständig nachwuchs: seine Einwohner.

Leistung wird in vielen Kulturen und Systemen anerkannt und bewundert. Vermarktung durch Sport lag da nahe. Weltweit war die kleine DDR in vielen Nachrichtensendungen ständig mit strahlenden jungen Menschen vertreten. Und die lächelten natürlich irgendwie auch für den gelebten Sozialismus. Der Ruf, das Image, ja die ganze weltweite Wahrnehmung der DDR, fußte großteils auf diesen Erfolgen.

Sport gleich Politik

Sport und Politik waren schon immer verwandter, als viele wahrhaben wollen. „Sport ist Krieg nur ohne Schießerei“, meinte George Orwell. Etwas vornehmer drückte es der Schriftsteller Manfred Hinrich aus: „Sport ist eine annehmbare dialektische Negation des Krieges“. Es muss ja nicht immer gleich ein richtiger Krieg sein, aber gerade zu Kalter-Krieg-Zeiten, zu Zeiten atomarer Abschreckung, des vielfachen atomaren Overkills, wurde Sport mehr denn je in solchen Zusammenhängen gesehen.

Bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften räumten Sportler der Blockmächte ab, also die Sowjets und die Amerikaner. Und ständig dazwischen: wieselflinke DDR-ler.

DDR war im Fußball abgeschlagen

Woran lag’s, dass es im Fußball einfach nicht für einen Platz auf dem Treppchen reichte? Weltklasse-Athleten hatte die DDR wahrscheinlich in jeder Disziplin, eine ausgefeilte Sport-Logistik auch. Dazu geht es hier um einen Zeitraum, in dem das Bonmot des britischen Stürmers Gary Lineker galt: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“
Hatte es etwas mit der gelebten Kultur des DDR-Fußballs zu tun? Welchen Einfluss hatte die damals herrschende Kader-Denke auf das Spiel? Wie viel Anteil hatten jene, die das System mit Leben erfüllten und durchsetzen?

DDR-Trainer

Die Fußball-Stammtisch-Binse scheint sich auch hier zu bewahrheiten: Wenn was nicht läuft, liegt‘s am Trainer! Der Trainer stellt die Mannschaft zusammen, erarbeitet Taktik, übt Spielzüge, schwört ein. Bei Erfolglosigkeit werden selten Spieler oder Club-Chefs gefeuert, es sind immer die Trainer. Mittlerweile gibt es sogar Trainer-Rauswurf-Quoten.

DDR-Sport gilt als gut erforscht, doch jetzt hat Otto Altendorfer ein lesenswertes Buch vorgelegt. Aus einem anderen Blickwinkel geht er das Thema DDR-Fußball an und ist damit nicht nur für sportgeschichtliche Gourmets interessant – die biografische Dokumentation „DDR-Fußball-Nationaltrainer zwischen SED und Staatssicherheit“.

In diesem umfangreichen Werk sichtet und analysiert Altendorfer Akten sowohl der SED-Archive als auch der Stasi-Unterlagenbehörde. Aus diesen vielen Bausteinen gewinnt man eine neue Sichtweise auf die 13 Trainer, die die DDR-Auswahl bis zum Mauerfall antrieben. Bestimmend bei der Auswahl der Trainer waren Partei- und Staatsführung und natürlich die Staatssicherheit. Wegen der Strahlkraft der Sportler gab es unglaublich viele Verhaltensregeln, die von der Stasi ständig überwacht wurden.

Aber was beispielsweise bei Leichtathletik klappte, hat Fußball wohl erstickt.

Teamsport vieler Solisten

Zur Einordnung: In einer Zeit, in der etwa der langhaarige Ferrari-Fahrer Günter Netzer zur Legende wurde, als er sich gegen den Willen des Trainers selbst einwechselte, das entscheidende Tor beim Pokalfinale schoss und dann – ohne den Trainer eines Blickes zu würdigen – wieder vom Platz ging, konnte aus „planwirtschaftlichem“ Fußball nichts werden.

Fußball lebt von Taktik, hartem Training, aber vor allem von Geistesblitzen Einzelner. Entscheidend ist oft das Unerwartete. Und Unerwartetes war im Kontrollstaat DDR systembedingt nicht erwünscht. Sollten DDR-Trainer genau dieses verhindern? Das Buch legt den Schluss nahe. Die Instrukteure wurden streng kontrolliert und überwacht.

Detailreich erfährt man, welche Mühe sich die Stasi gab, deren Charakter zu ergründen. So wird etwa über den letzten Nationaltrainer Bernd Stange, der ab 1983 der oberste Ballstratege war, bemerkt, dass er „Frauenbekanntschaften „nicht abgeneigt“ sei. Nach näherem Erkunden wird dann dem Referat XX, KD Jena, beeindruckt vermeldet: „Es ist schon vorgekommen, dass er in der Nacht mehrere Frauen zu Besuch hatte.“

Teil des Apparats

Gegen die Überwachung, die rigide Einflussnahme hätten die Trainer sich wahrscheinlich nicht wehren können, genauso wenig wie gegen die „Pflicht“ zu Parteimitgliedschaften. Man kann nur erahnen, in welchen Zwängen die Nationaltrainer damals lebten. Aber Altendorfer legt in diesen dokumentarischen Biographien schonungslos dar, wie sehr die Trainer selbst eigenständig Handelnde waren. Die Stasispitzel notierten Beleidigungen und Erniedrigungen, die die Trainer ihren Schützlingen antaten.

Dabei war das „Spieler-Material“, wie Experten es nennen, eigentlich erstklassig. Die Namen sprechen für sich: Michael Ballack, Bernd Schneider, Clemens Fritz, Andreas Thom, Ulf Kirsten, Matthias Sammer, Thomas Doll oder Rainer Ernst. Geflüchtete Fußballer waren in anderer Umgebung erfolgreich, genauso wie die Jüngeren, die noch in der DDR trainiert hatten, nach dem Mauerfall.

So liegt der Schluss nahe, dass die Nationaltrainer, die sich selbst auch schon mal als Diplomaten im Trainingsanzug sahen, systemische Erfolgsverhinderer waren.

Durch die umfangreiche Dokumentation des DDR-Unterdrückungsapparats kann man das heute sehr anschaulich, detailreich und spannend zu lesen nachvollziehen. Merkwürdig, dass erst 25 Jahre nach dem Mauerfall jemand auf die Idee kam, dieses Offenkundige so zu sehen und zu dokumentieren.

Erschienen in der HUFFINGTON POST am 22.04.2014