Muhammad Ali hautnah. Er erreicht noch jeden
Von Cherno Jobatey
Muhammad Ali steht ruhig, wie ein Fels in der Brandung, beobachtet das Treiben. Bei jeder seiner Bewegungen teilt sich die Menge. Menschen klatschen, feuern ihn an. Er läuft, etwas unbeholfen. Eine Blondine umarmt ihn, Blitzlichtgewitter. Er lässt es geschehen, schließlich ist es Heidi Klum. Er wirkt ein bisschen dicker, als auf Fotos, spiegelglatt rasiert, kraus steht ihm das Haar zu Berge. Sehr elegant und seidig matt glänzend sein Smoking. Muhammad Ali ist immer noch ein Mannsbild, meine Mutter würde ausrasten. Einige tun das auch! Erwachsene weit jenseits der 40 stellen sich artig auf, um ein Autogramm zu ergattern. Und er schreibt, konzentriert. Seinem Gesichtsausdruck ist es zu entnehmen, dass es ihn sehr sehr viel Kraft kostet, dieses Schreiben mit dem Stift, auf ein kleines Stück Papier. Nach 5 Minuten bin ich an der Reihe. Muhammad Ali schaut mir in die Augen, kneift sie zusammen. Atmet plötzlich rhythmisch, geht einen Schritt zurück, haut zwei erstaunlich schnelle Boxhiebe in meine Richtung, lächelt, reicht mir die Hand. In dem Augenblick schlägt erbarmungslos Parkinson zu. Seine Rechte fängt an zu zittern, er versucht sie mit seiner Linken einzufangen, vergeblich. Parkinson ist der einzige Gegner, den Muhammad Ali nicht schlagen kann. Er, der Größte aller Zeiten, steht vor mir und hat eine Schüttel-Attacke. Bei dieser Krankheit sterben im Gehirn Nervenzellen ab, die Dopamin ausschütten, welches wiederum die Beweglichkeit der Gliedmaßen reguliert. Aber Charisma hat Muhammad Ali noch immer, und er erreicht jeden, auch wenn er, der früher so flink mit Worten war, nicht mehr sprechen kann.
erschienen in: Berliner Kurier, 05.12.2003
