Andrea Nahles

Andrea Nahles, Constanze Buchheim & Cherno Jobatey UdlDigital Talkshow

Arbeiten 4.0 – wie fit ist Deutschland?

Streiks bei Amazon, TV-Bilder randalierender französischer Taxifahrer, Studien, die die Bedrohung unserer Arbeitsplätze durch Digitalisierung erklären, Firmen, die trotz Milliardenumsätzen keine oder kaum Steuern zahlen, sich also nicht beteiligen. Immer öfter kommt die Frage auf: Stimmen die politischen Rahmenbedingungen für eine Arbeitswelt, die digital erfolgreich und gleichzeitig menschengerecht ist? Das Thema der UdLDigital Talkshow mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles und Constanze Buchheim, Gründerin der Personalberatung i-potentials.

Digitalisierung verändert immer merkbarer unser aller Arbeitswelt. Darüber wird bereits heftig debattiert: Vorteile und Nachteile gibt’s sowohl für Arbeitnehmer als auch für Unternehmen. Und überhaupt, wie soll man umgehen, mit dem was unter dem Schlagwort Arbeit 4.0 zusammengefasst wird? Ganz oben ist das Thema auf der politischen Agenda, von Dialogprozess Arbeiten 4.0, der Bundesregierung über die CDU bis zum ThinkTank Progressives Zentrum, um nur einige zu nennen.

Wie weiter im „Plattform-Kapitalismus“

Nach e-Commerce gilt die Organisierung von Dienstleistungen als das neue große Ding. Helpling, oder Book a Tiger, um nur einige zu nennen. Es gibt also immer öfter nicht mehr einen Arbeitgeber, sondern eine Plattform, über die Arbeit organisiert, verteilt und auch abgerechnet wird. Ist das eine geniale Idee oder wird klassische Arbeit nur „umgedängelt“ zu Selbständigkeit? Wie geht man damit um? Da es hier um Selbstständige geht, greift der Mindestlohn nicht. Welche Verantwortung haben Plattformen für die soziale Sicherung?

Wer keine Abgaben zahlt oder zahlen muss, ist schon mal deswegen billiger. Manch einer grollt, die Neulinge schaden der Gesellschaft doppelt! Beteiligen sich nicht an Gemeinschaftskosten, unterbieten die abgabenzahlenden Konkurrenten. Und die Arbeitenden verdienen auch noch wenig, weil sie Kosten wie etwa Weg oder Arbeitsmittel selber zahlen. Die berühmte schwäbische Hausfrau würde den Kopf schütteln…

Neue Freiheit

Aber, müssen nicht die Regeln den neuen Möglichkeiten folgen? Sollten wir nicht alles was geht an Freiheit ermöglichen? Also etwa für Freelancer oder Solo-Selbstständige. Soll man jene, die genau so leben und arbeiten wollen, zur Altersvorsorge verpflichten oder anders gesagt: zwingen?

Durch die Entgrenzung der Arbeit gibt es einen Ozean an Möglichkeiten. Bestimmte Aufgaben werden online ausgelagert, neudeutsch ge-crowdsourced. Aber bei allem Hype darum, wie groß ist dieses Phänomen, und damit ein „vermeintlicher Missstand“? Selbst in der Medienbranche zählen Statistiken bei Crowdworking nur 9 Prozent, im IT-Sektor nur 5,2 Prozent. Besteht da dann wirklich ein Regelungsbedarf, der dann vielleicht neue Kulturen ersticken könnte?

Soziale Marktwirtschaft

Bei Arbeit 4.0, wie auch bei Industrie 4.0, muss man in unserer deutschen Tradition auch die Frage nach der Zukunft der Sozialpartnerschaft stellen. Wie könnte das gestaltet werden? Den neuen Helden der Wirtschaft wird oft mit Steuermillionen auf die Beine geholfen, einige zahlen geringe Löhne, und da die „Neuen“ bei Milliardenumsätzen durchaus keinen oder kaum Gewinne machen, zahlen sie selbst auch kaum Steuern. Manch einer denkt, da läuft gewaltig was schief…

Warum gibt es eigentlich keine wahrnehmbare Debatte über die soziale Verantwortung digitaler Geschäftsmodelle? Wer wenig verdient, benötigt öffentliche Hilfe. Sachsen-Anhalt machte sich dafür stark, den Anspruch auf Hartz IV „bei unrentabler Selbständigkeit“ auf zwei Jahre zu begrenzen. Eine Idee?

Geht es bei dieser Debatte nicht auch um die Zukunft unserer sozialen Marktwirtschaft, wie wir sie kennen? Oder ist das zu hoch gegriffen?

Lernen für Arbeiten 4.0

Das duale Berufsbildungssystem, unser deutsches Erfolgsmodell, wird sich wohl anpassen müssen. Denn der einmal erlernte Beruf reicht nicht mehr fürs ganze Berufsleben. Digitale Kompetenz ist für Arbeitnehmer und Arbeitgeber wichtig. Aber wie – reine Privatsache oder gefördert durch den Staat? Welche Hilfen brauchen bei kontinuierlicher Qualifizierung gerade kleine und mittlere Unternehmen?