Moderator Cherno Jobatey

Digitale Macht. Die neue Ökonomie der Aufmerksamkeit

Wissen ist Macht. Und Aufmerksamkeit ist ein wertvolles Gut in unserer Wissensgesellschaft. Wem das Interesse zufließt, der hat auch die Deutungshoheit. Wer das nicht glauben kann, der vergleiche die Anzeigenpreise führender Medien.

Industrielle Revolution

Eine schleichende Veränderung begann bereits in den 1990ern mit der Erfindung des Browsers: das seit Jahrzehnten vorhandene Internet ist seitdem für alle da. Diese ganz im Stillen gestartete digitale Revolution wirbelt bis heute sehr viel durcheinander, traditionelle Geschäftsmodelle ändern sich. Viele handwerkliche Fähigkeiten verlieren ihren Wert. Die Kommunikation – egal, ob privat oder öffentlich – hat sich von Grund auf gewandelt.

Das erste große, unübersehbare Zeichen dieser Veränderung war der Aufstieg eines politischen Niemands aus dem Mittelwesten, der US-Präsident werden wollte. Und er gewann tatsächlich gegen die Partei-Eliten. Die Obama-Wahl machte schon 2008 deutlich, wie sehr sich die Ökonomie der Aufmerksamkeit verändert hatte. Rückblickend war es ein erster Sieg der neuen digitalen Elite über eine „analoge Hemdsärmeligkeit”.

Neue Medienökonomie

Wer die Gesetzmäßigkeiten der neuen Medienökonomie erkennt, sie anerkennt und ihnen folgt, hat enorme Vorteile: Digitale Reichweiten übertreffen die Reichweiten analoger Massenmedien oft um ein Vielfaches! Wer gehört, gelesen, gesehen werden möchte, für den gibt es im Prinzip drei erfolgreiche Wege:

•    Es läuft einfach gut, weil die Marke bekannt ist oder man schlicht Glück hat.
•    Man wird gut „gefunden“, weil man die Kriterien der Suchmaschinen erfüllt.
•    Oder man wird häufig via Soziale Medien weiterempfohlen – neudeutsch ge-socialt.

Erfolgreich sein kann heute nur, wer auf mehr als Bekanntheit und Glück setzt.

Suchmaschinen-Optimierung

Nur „im Internet sein“, das reicht nicht aus! Die „Türsteher des Wissens“ reagieren am besten auf „gut geölte“ Webseiten. Und funktionierende Webseiten sind ein Produkt von Arbeit und Wissen. Um die Notwendigkeit, gefunden zu werden, hat sich eine Industrie namens Suchmaschinen-Optimierung (SEO) etabliert.

Soziale Medien

Mittlerweile aber wird eine weitere Komponente wesentlich wichtiger: Soziale Medien. Hier lassen sich durch Netzwerkeffekte Reichweiten erzielen, die bis vor kurzem noch unvorstellbar waren. Früher war es wichtig, den Massenmedien zu gefallen, um Reichweite zu erlangen. In der Regel bedeutete das, dass man bei einzelnen Redakteuren gut ankommen musste. Heute ist es entscheidend, in den Sozialen Medien etwas so zu präsentieren, dass es (meist ziemlich spontan) weiterempfohlen wird. So kann die Reichweite vervielfacht werden. Neue Plattformen erreichen auf diese Art bis zu 80% ihrer Besucher. Ein Beispiel aus der HuffPost: Der Brief einer berufstätigen Mutter an eine nicht berufstätige Mutter (und umgekehrt) wäre mit 7000 Lesern direkt auf der Seite der HuffPost ein Flop gewesen. Aber dieser Artikel rannte via Social Media-Weiterempfehlung durchs Netz und erreichte dadurch beeindruckende 715.826 Leser. Knapp das der Dreifache der FAZ-Druckauflage.

Disruption der Politik

Wir haben uns dran gewöhnt, dass uns junge Menschen in Kapuzenpullis erklären, dass alles Alte sich verändern, auf neu-deutsch „disrupten“ muss.

Was bei der Obama-Wahl 2008 nur für Polit-Feinschmecker ein Thema war, ist seit der Trump-Wahl für jeden offenkundig: der Wettbewerb um die Deutungshoheit funktioniert nach neuen Spielregeln. Trump steht für die Disruption der Politik nach alter Väter Sitte. Mit Hilfe der technischen Moderne kann prinzipiell jeder (dazu noch sehr preiswert) seine Gegner besiegen, wenn diese nur auf altbewährte Mittel setzen.

Referent Cherno Jobatey erklärt, wie man sich in dieser neuen Welt bewegt

Das Konsumentenverhalten hat sich durch die Digitalisierung in fast allen Lebensbereichen verändert. Lang Gelebtes gilt nicht mehr. Und dieser Wandel schreitet überall weiter voran, nicht nur in der Medienwelt.

Cherno Jobatey, langjähriger Herausgeber der HuffPost, die es binnen drei Jahren auf Platz 15 der News-Plattformen in Deutschland geschafft hatte und dann wegen strategischer Überlegungen des Mutterkonzerns in Deutschland eingestellt wurde, erklärt diese neuen Spielregeln. Jeder, egal ob DAX-Unternehmenslenker, Mittelständler oder Privatperson, also tatsächlich jeder mit einer E-Mail Adresse und einem Internetanschluss kann diese neuen Möglichkeiten für sich nutzen.

In seiner Präsentation erläutert der Referent die stille Revolution und illustriert anhand von Beispielen aus der deutschen Politik, dem Brexit und sogar dem „Lady-Gaga-Phänomen“ detailliert, wie sich Machtverhältnisse im Kampf um die Meinungsführerschaft verschoben haben und wie man die neue Zeit für sich nutzen kann.

Denn wer digital nicht dabei ist, läuft Gefahr, auf dem Marktplatz von heute anstelle des bislang gewohnten, zentral gelegenen repräsentativen Marktstandes nur noch einen Tapeziertisch in der dritten Reihe zu betreiben. Und viel zu oft geht unter: Diese schöne neue Welt ist machbar, simpel zu bedienen und zudem bezahlbar!

Wissen ist Macht, daran wird sich nichts ändern. Und noch nie waren so viele so mächtig.